Heldin des Alltags: Lea Suter

[ Heldinnen-Porträt Januar 2021 ]

[ PeacePrints I Interview am 26.11.2020 ]



Heldinnen-Affirmation:


Konstruktive Konfliktkultur kultivieren und Vergeben!

Trau dich, mit Konflikten konstruktiv umzugehen statt des Harmoniebedürfnis willen den Konflikt «nach innen zu verlagern». Lass dich von der Kraft der Vergebung berühren – Vergebung dir selbst und anderen gegenüber. Darin liegt unglaubliche Magie.


Mit Lea in Kontakt gekommen bin ich über meine Engagements bei der Wohnbaugenossenschaft ZUKUNFT WOHNEN (Thun) sowie bei der Impact-Initiative x27. Leas Art und Weise, sich für friedliche und inklusive Gesellschaften einzusetzen, fasziniert mich und hat mich schwer beeindruckt. Denn Lea geht einen Weg, den wohl nicht viele von uns beschreiten könnten bzw. wollten ....


Lea, im Rahmen von PeacePrints folgst du den Fussspuren von Peacebuildern wie du so schön schreibst. Das heisst du veröffentlichst Friedensreportagen. Du hast bereits aus Irak, Libanon, Mali, Kosovo, Myanmar, Korea, Israel-Palästina, Zypern, Ukraine und Ruanda berichtet. Kriegsreporter*in – das ist quasi ein feststehender Begriff. Aber Friedensreporterin?

Genau das hat mich auch dazu bewegt, mich diesem Thema zu widmen. Ein Kriegsreporter geht der Frage nach, wie Krieg entsteht. Als Friedensreporterin stelle ich die Frage, wie Frieden entsteht. Die Berichterstattung fokussiert oftmals aufs Kriegsgeschehen – die Geschichten von Menschen hingegen, die einen Ausweg auf der Gewaltspirale gefunden haben, werden kaum erzählt. Das möchte ich mit PeacePrints ändern.

Wie kam es dazu, dass du dich mit diesem Thema auseinandergesetzt hast?

Das ist nicht von heute auf morgen entstanden, sondern war ein längerer Prozess und entwickelt sich weiterhin. Durch meine Tätigkeit bei der UNO und dem Think Thank Foraus war ich tagtäglich im Kontext der internationalen Beziehungen aktiv und habe zig Reden geschrieben, bei denen auch immer wieder von Friedensförderung und -bildung gesprochen wurde. In meinem Umfeld wurden Begriffe wie Frieden und Krieg so routiniert und distanziert verwendet, dass sie mir letztlich inhaltslos und entleert erschienen, nichts als Floskeln. So entstand bei mir der Wunsch, mir im Austausch mit Menschen vor Ort selbst ein Bild zu machen, wie Friedenskultur gelebt werden kann und wird.


[ «Wir leben in einem Zeitalter der Reproduktion. Das allermeiste in unserem persönlichen Weltbild haben wir nie mit eigenen Augen erfahren, genauer: wohl mit eigenen Augen, doch nicht an Ort und Stelle; wir sind Fernseher, Fernhörer, Fernwisser. »] - Max Frisch, 1954

In der heutigen Welt, in der ein Grossteil unserer Wahrnehmung bestimmt wird von Berichten und Geschichten, die andere geschrieben haben, und die aktuell sehr auf Konflikte statt auf Lösungen fokussiert sind, wollte ich von Vorbildern anderer Art erzählen und deren Geschichte sichtbar machen. Ich möchte Menschen zeigen, die es geschafft haben, die erfahrene Gewalt und die erlebten Traumata zu transformieren, einen (für sich und andere) heilsamen Umgang damit zu finden, die Gewaltspirale aufzubrechen, und somit weiteren Konflikten den Nährboden zu entziehen.


Jetzt frage ich mich, wie DU mit all den Kriegs-Impressionen, den traumatischen Erlebnissen und dem Gewaltpotential umgehst, die dir im Laufe deiner Reportagen begegnen. Vor unserem Gespräch habe ich deine Reportage zu Ruanda gelesen ... bereits auf Seite 8 blieb mir die Luft weg und ich hatte grosse Mühe mich mit den grausamen Geschehnissen zu konfrontieren. Wie schaffst du es, mit all dem Leid klarzukommen, worauf du bei deinen Reportagen stösst? Das ist ein Balanceakt, der mich bei jeder Reportage fordert. Denn mir ist es sehr wichtig, diese Erfahrungen so nah wie möglich an mich heranlassen zu können. Und zwar so nah, dass es mich berühren kann. Nur so kann es einen Annäherungsprozess auslösen und eine tiefere Auseinandersetzung anstossen, die auch eine Persönlichkeitsentwicklung fordert und fördert. Das ist ein Prozess, der sich schwer beschreiben lässt; er bedingt jedoch, sich dem Kontext auszusetzen und offen zu bleiben, was sich daraus entwickelt. Mir persönlich hilft der anschliessende Schreibprozess, aber auch Meditation, um das Erfahrene zu verarbeiten und aufzulösen.


[ Jede Reportage ist enorm bereichernd und Kraft-Spendend ]

Unabhängig davon befasse ich mich ja nicht nur mit dem Leidvollen, das passiert ist, sondern fokussiere auf die Konfliktlösungen und transformierenden Lernerfahrungen, die sich daraus ergeben haben. Die Gespräche mit Menschen, welche aus der Gewaltspirale ausgebrochen sind und an die Kraft der Gewaltfreiheit glauben und diese vorleben, geben mir sehr viel – diese Kraft ist enorm, einzigartig und stärkend. Zudem wirkt der Austausch mit diesen Personen auf eine ganz besondere Art und Weise beruhigend.

Gibt es noch andere Herausforderungen, die diese Tätigkeit mit sich bringt und wie gehst du damit um?

Als eine der grössten Herausforderungen empfinde ich es, den Geschehnissen vor Ort möglichst offen und neutral begegnen zu können. Ich möchte bereits vor der Ausreise soweit wie möglich frei von eigenen «inneren» Konflikten, Meinungsbildern und Bewertungen zu sein, weil ich diese sonst gegebenenfalls als «Rucksack» mit in das Geschehen einbringe. Mein Ziel ist es jeweils so auszureisen, dass ich keine Wut, Verletzung oder Identifikation weder mit Tätern noch mit Opfern im Gepäck habe. Ich möchte fähig sein, mich jeder Perspektive anzunähern, jede Seite anzuerkennen und zu vergeben. Das ist sehr schwierig.


[ Mit dem Flow gehen und seiner inneren Stimme folgen ]

Ausserdem ist es gerade in akuten Krisengebieten wichtig, flexibel und agil handeln zu können. Das bedeutet sich auf die Gegebenheiten vor Ort einlassen zu können und sich auch von der eigenen «inneren Stimme» leiten zu lassen. Es braucht prinzipiell ein gewisses Grundvertrauen, sich in permanent ändernden Ökosystemen zu bewegen und Menschen zu vertrauen, von deren Geschichten man nur Fragmente kennt. Gleichzeitig mache ich nur etwas, wenn es sich wirklich stimmig anfühlt. Meine Reise in den Irak hatte ich beispielsweise bereits zweimal vorher geplant und trotz hoher Stornokosten zweimal annulliert, weil es sich nicht richtig anfühlte, die Reise zum damaligen Zeitpunkt anzutreten.

Du reist in Länder, in denen traumatische Gewaltaktionen passiert sind, Konflikte schwelen oder offen ausgetragen werden. In der Schweiz zeichnet sich (nach aussen) das Bild einer friedfertigen Gesellschaft ab. Was hat die Förderung von Friedenskultur also mit uns hier in der Schweiz zu tun?

Wir dürfen uns glücklich schätzen, in einer «Kriegsfreien» Zeit zu leben. Und gleichermassen ist auch bei uns das Thema präsent. Zum einen hat sich die Schweiz mit der Agenda 2030 dazu verpflichtet, im Rahmen der Sustainable Development Goals (SDGs) friedliche und inklusive Gesellschaften zu fördern (SDG Nr. 16). Nur ist eigentlich viel zu wenig klar, wie dieses Ziel erreicht werden soll. Zum anderen haben die kulturellen Wurzeln unseres Landes ein gesellschaftlich verankertes Harmoniebedürfnis generiert, das suggeriert, das Konflikt etwas Schlechtes ist. Dies ist für den konstruktiven Umgang mit Konflikten nicht gerade hilfreich ist. So fehlt meiner Meinung nach hierzulande das Bewusstsein dafür, dass sich Konflikte, die nicht offen und konstruktiv ausgetragen werden, nach innen kehren und unterhalb des Eisbergs «weiterschwelen». Dass keine Konflikte sichtbar sind muss nicht unbedingt bedeuten, dass keine da sind.


Werfen wir einen Blick auf die Lösungen, die sich uns in der Schweiz bieten. Was kann folglich jede*r deiner Meinung nach tun, um zu einer friedlichen und inklusiven Gesellschaft beizutragen?

Bei meiner Reportage zu Ruanda hat mir Martin folgendes mit auf den Weg gegeben: «Der grösste Fehler, den du machen kannst, ist zu denken, dass du anders bist als sie, dass dir das hier nie passieren würde. Viel eher solltest du dir immer bewusst sein, dass du nur zwei Schritte davon entfernt bist, genauso zu werden wie sie.» Sich das immer mal wieder vor Augen zu halten, ist sicher das eine. Andererseits können wir eine Friedenskultur auch bewusst kultivieren und pflegen – durch eine offene Haltung und einen wertschätzenden Umgang anderen gegenüber. Ausserdem ist die Bereitschaft wichtig, Konflikte konstruktiv zu lösen und sich mit eigenen, inneren Konflikten auseinanderzusetzen, damit die darin gespeicherte Wut, Verbitterung und das Aggressionspotential abfliessen kann.


[ Friedensförderung konkret: Nachhaltiger Konsum und Finanzinvestment ]

Ressourcenknappheit ist einer der grössten Auslöser von Konflikten. Durch unser Konsumverhalten können wir dem entgegenwirken, indem wir «das rechte Mass» im Sinne von Suffizienz wahren. Wer nicht möchte, dass seine Geld von der Bank in nukleare Waffen investiert wird, kann sich bei «Don’t bank on the bomb» informieren, welche Banken in Kernwaffen investieren und gegebenenfalls ein anderes Konto eröffnen.


Du setzt dich auch in anderen Zusammenhängen für die Friedensförderung in der Schweiz ein. So wurde am 13.11.2020 das Forum für Friedenskultur, zusammen mit den Ilanzer Dominikanerinnen, gegründet. Was ist eure Motivation?

Mit dem Forum für Friedenskultur möchten wir das Bewusstsein fördern für Formen der Gewalt in unserem Alltag oder wie unser Alltag Krieg und Gewalt in anderen Weltregionen fördert. Wir wollen gemeinsam definieren, was eine Kultur des Friedens ist und wie diese umgesetzt werden könnte, in den Medien, im öffentlichen Raum, in den Schulen, in der Unternehmenskultur, in der politischen Debatte oder in den zwischenmenschlichen Beziehungen. Aktuell ist der politische, gesellschaftliche und mediale Diskurs geprägt von Feindbildern und verstärkt die Polarisierung statt sie aufzulösen. Wir möchten Möglichkeiten aufzeigen, wie eine konstruktive Konfliktkultur gelebt werden kann und welche positive Kraft daraus entsteht. Unsere Vision ist eine Schweiz, die eine aktiv gelebte Friedenskultur hat, die sämtliche Lebensbereiche durchdringt und eine Grundkomponente unserer Identität gegen innen wie aussen ist.


[ Dialogkultur anregen ]

Inspiriert durch die Friedensarbeit möchten wir eine Dialogkultur anregen: Eine wichtige Komponente der Friedensarbeit ist es, einen urteilsfreien Raum zu schaffen. Dazu gehört die Bereitschaft, offen in den Austausch zu gehen, dem anderen urteilsfrei zuzuhören und gegebenenfalls auch seine eigene Meinung zu ändern.


Als ich dich für ein Gespräch angefragt habe, meintest du, dass du gerne zu einem Austausch bereit bist, dich aber nicht als «Heldin des Alltags» siehst. Nach all dem, was ich jetzt gehört habe, frage ich mich: Warum?

Die Menschen, mit denen ich im Zusammenhang mit PeacePrints gesprochen habe, sind für mich Helden. Sie haben es geschafft trotz ihrer traumatischen Erlebnisse den Tätern zu vergeben – das ist wahre Grösse für mich! Von solch einem Schritt bin ich selbst wohl noch meilenweit entfernt.

Der Begriff Held ist für mich ausserdem nicht sonderlich positiv konnotiert. Ein Held verkörpert eine Siegermentalität und dort, wo Sieger sind, gibt es auch Verlierer. Ein Held unterwirft und vergibt nicht. Daher habe ich mich mit dem Begriff nicht identifiziert.


Wir brauchen ein neues Helden-Image in unserer Gesellschaft. Da stimme ich dir voll und ganz zu. Genau deshalb gibt’s diese Porträt-Reihe ;)


Wenn du jetzt all den Frauen, all den Menschen da draussen jetzt noch etwas mit auf den Weg geben könntest – was wäre das?

Die Kraft der Vergebung erleben!

In uns schlummert ein Schatz, den wir dank Versöhnung heben können. Indem wir uns unseren inneren Konflikten zuwenden, indem wir uns selbst, unserem Umfeld, der eigenen Kindheit bzw. unserer Vergangenheit vergeben, lösen sich unbewusste Blockaden und setzen Energie frei.

Ausserdem möchte ich dazu einladen, hin und wieder das eigene Harmoniebedürfnis beiseite zu schieben und stattdessen einem konstruktiven Umgang mit Konflikten Platz zu machen und den Dialog zu suchen. So können wir gemeinsam hier vor Ort eine Friedenskultur kultivieren, die auf einem wertschätzenden, echten Miteinander aufbaut statt das Gegeneinander zu zementieren.


Danke, liebe Lea, für die Einblicke in deine Tätigkeiten und deine ganz persönlichen Tipps für Friedensstiftertum!


Wer tiefer eintauchen möchte, findet verschiedene Reportagen von Lea auf ihrer Blogseite. Ich kann die Lektüre nur jedem wärmstens empfehlen. Die Berichte lassen erleben, wie es ist einen Konflikt von verschiedenen Perspektiven zu betrachten, zeigen die Vielschichtigkeit von Konflikten auf und inspirieren, andere Wege als den der Gewalt zu gehen. Das stösst einen Prozess an und macht etwas mit einem selbst:


PeacePrints : Following the footprints of peacebuilders

www.peaceprints.ch






Porträt-Reihe "Heldinnen des Alltags" von Happy by Nature
Beschreibung "Heldinnen des Alltags"